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Schule in der Zeitenwende – die Strukturreform im Bezirk

Bildung


Die erste Reformschule Charlottenburg

Berliner Schule in Bewegung – unter diesem Motto ziehen Fachleute aus Schulpraxis- und Verwaltung am 15. September 2010 eine erste Bilanz in Charlottenburg-Wilmersdorf.

In Berlin wird mit diesem Schuljahr eine umfassende Bildungsreform fortgesetzt: Länger gemeinsam lernen, kein Kind zurücklassen, bessere Binnendifferenzierung, mehr individuelle Förderung, Integration statt Ausschluss, verlässliche, qualitätsstarke Ganztagsbetreuung sind nur einige Stichworte, die die Ziele der Schulstrukturreform in der Hauptstadt beschreiben. Nach der erfolgreichen Einführung von Gemeinschaftsschulen vor zwei Jahren, der Abschaffung des Sitzenbleibens im Grundschulalter, der Altersmischung in den unteren Jahrgängen (JÜL) und der Stärkung schulischer Selbstverwaltung geht die Reform in die nächste Phase: 111 Integrierte Sekundarschulen (ISS) gehen nun an den Start.

Hauptschule in Beriln ist damit abgeschafft

Der rot-rote Senat hat damit die als „Resterampe“ in Verruf geratene Hauptschule vollständig abgeschafft – und eine Zeitenwende für gut 320000 Berliner Schülerinnen und Schüler sowie rund 24200 Lehrerinnen und Lehrer eingeläutet.

Die neuen Strukturen sind notwendig, darin sind sich fast alle einig – aber wie läuft die Reform in der Praxis? Wie sieht es an den Schulen und in der Verwaltung einige Wochen nach Beginn des ersten Sekundarschuljahrs aus? Überwiegen Skepsis, Empörung größer – oder der Jubel?

Die Kudamm-Abteilung der SPD und die Arbeitsgemeinschaft für Bildung Charlottenburg-Wilmersdorf wollten es genau wissen und haben gemeinsam eingeladen zum Podiumsgespräch am 15. September 2010 in die Reformschule Charlottenburg, eine der acht neuen Sekundarschulen des Bezirks: den GEW-Vorsitzenden der Schulleitervereinigung und Leiter der Friedensburg-Oberschule Paul Schuknecht, den neuen Schulleiter der Ersten Reformschule Charlottenburg, Martin Grunenwald, Günther Kuhring von der Bezirks-Schulaufsicht und die Bildungsstaatssekretärin Claudia Zinke. Aus dem Parlament auf dem Podium: Felicitas Tesch, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus.

Podium_Bildung

Allgemeine Aufbruchstimmung

Einhellig nimmt man auf dem Podium eine „Atmosphäre des Aufbruchs“ (Paul Schuknecht) wahr. „Die Lehrer sind motiviert, und Geld ist genug da“, stellt die Staatssekretärin zufrieden fest – auch für die Fortbildung.“ „Die Akzeptanz ist hoch“, findet auch Martin Grunenwald, der die neue Reformschule als Schulleiter erst seit wenigen Wochen in die neue Zeit führt.

Insbesondere die Stärkung des dualen Lernens – mehr Praxis und Berufsnähe in die Schulen, Kooperationen mit Sportvereinen, Musikschulen, freien Trägern, Möglichkeit des Ganztagsunterrichts – und der Wegfall der äußeren Leistungsdifferenzierung sei ihm politisch wie pädagogisch hochwillkommen, betonte Schuknecht. Allerdings müssten viele Lehrer erst lernen, damit umzugehen, dass die Schulen unliebsame Schüler nun nicht mehr wegschieben könnten. Der Lehrerberuf wandle sich durch die neuen Anforderungen. Auch eine größere Offenheit für Veränderung an den Gymnasien sei hier gefragt, obwohl der Elternwille in Berlin, wie Günther Kuhring und Zinke betonen, hohen Stellenwert behalte.

Hohe Akzeptanz für die historische Reform

Anders als in Hamburg, wo die Eltern ein Volksbegehren gegen die dortige schwarz-grüne Bildungsreform anstrebten, „bleibt der Schrei der Empörung deshalb in Berlin aus“, meint Kuhring. Auch die angestrebte Höchstfrequenz – 26 Schüler in den Sekundarschulklassen und 32 in den Gymnasien – werde bis auf wenige Ausnahmen eingehalten, in den neu strukturierten Schulen zum Teil sogar absichtlich unterschritten, um die einzelnen Schüler noch besser fördern zu können. Erst im kommenden Schuljahr, erklärt die Staatssekretärin, greifen die neuen Auswahlkriterien: An besonders nachgefragten Schulen entscheidet dann im Zweifelsfall für 30 Prozent der Schülerbelegung das Los, und das jeweilige Profil der Schule – musisch, sportbetont etc. – wird dann wichtiger als die Wohnortnähe.

Mehr Bildungsgerechtigkeit

„Die Hauptschule war ein Auslaufmodell“, findet auch Felicitas Tesch. Ein Problem allerdings sei, dass nicht genügend Fachlehrer insbesondere in den naturwissenschaftlichen Fächern zur Verfügung stehen. Nicht zuletzt deshalb wünschen sich denn auch die Schulleiter Grunenwald und Schuknecht noch mehr Eigenverantwortung für die Schulen – auch im Hinblick auf freieres Finanz- und Personalmanagement, um die speziellen Bedarfe besser und rascher decken zu können. Aber erstmal ist man stolz auf das Erreichte. „Ich hoffe, dass wir die gute Arbeit für mehr Bildungsgerechtigkeit auch in den kommenden Jahren fortsetzen können“, so der Ausblick der Bildungspolitikerin Tesch.
Offenbar, auch das ein Ergebnis dieser Informations-Veranstaltung, überwiegt die Zuversicht der Reformer deutlich die Bedenken. Das Engagement von Pädagogen und Entscheidungsträgern lässt hoffen, dass die bessere Bildung für alle Kinder und Jugendlichen der Stadt Realität wird – nicht nur strukturell, sondern ganz praktisch, in Charlottenburg-Wilmersdorf und überall sonst in Berlin.
Katharina Körting